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Johannes Reichert

Künstler der Metropolregion Nürnberg im März 2026

Gerade ist nicht immer gerade
Countertenor Johannes Reichert lotet Grenzen aus

Johannes Reichert zählt zu den außergewöhnlichen Stimmen der internationalen Musikszene. Als einer der ersten deutschen Countertenöre mit Solistendiplom hat er eine künstlerische Laufbahn eingeschlagen, die klassische Tradition mit zeitgenössischen Grenzgängen und genreübergreifenden Projekten verbindet.

Geboren in Nürnberg und als Kind aufgewachsen in Bilbao, sammelte Reichert zunächst ganz andere musikalische Erfahrungen. In seiner Jugend spielte er Violine und war in der Deutsch-Folk-Rock-Szene aktiv. Mit 15 gründete er seine erste Band „Schlappmaul“, mit 17 erschien deren erste LP. „Wir spielten 80 bis 100 Gigs pro Jahr, es war eine tolle Zeit und hat tierischen Spaß gemacht. Wir musizierten außerdem auf der Straße und in den Kneipen – fast hätte ich darüber mein Abitur geschmissen“.

Nach dem Abitur zog es ihn nach Kolumbien, wo er seine Ausbildung auf der Querflöte begann – unter anderem bei dem Solo-Flötisten des Orquesta Filarmónica de Bogotá, Jaime Moreno. „Klassische Musik konnte ich bis dahin eigentlich nicht ausstehen, wahrscheinlich weil ich anfangs eine unsägliche Lehrerin hatte, aber Jaime wollte mir beweisen, dass diese Musik toll ist – und das ist ihm gelungen!“ Nach Studienversuchen in Agronomie und Maschinenbau wurde Reichert klar, dass die Musik sein Weg ist. Zurück in Deutschland begann er mit dem Querflötenstudium – und wurde motiviert, neben der Flöte auch Stimmbildung zu betreiben. So entdeckte er – auf Umwegen - seine außergewöhnliche, hohe Stimme.

Anfangs weigerten sich sogar Lehrkräfte, ihn und seine Stimmlage zu unterrichten - und auch Anfeindungen blieben nicht aus; die Stimme galt als „unmännlich“. Klarheit fand er, als er den renommierten Countertenor René Jacobs an der Schola Cantorum Basel aufsuchte, der ihn ermutigte: „ich selbst unterrichte keine Anfänger, aber Sie haben das Zeug dazu, Countertenor zu werden“. An der Musikhochschule Würzburg wurde er u.a. von der Sopranistin Barbara Schlick gefördert: „Wenn Sie das machen wollen, dann machen Sie das! Ich unterrichte Sie so lange, bis Sie einen Countertenor finden, der sie unterrichtet.“ Dieser fand sich in Charles Brett in Winchester/England, der Reichert immer wieder Unterricht gab, denn diese Stimmlage hat in England in der Sakralmusik eine lange Tradition.

Bald schon folgten zahlreiche Engagements und Einspielungen, etwa mit Bachmotetten oder Domenico Scarlattis „Stabat Mater“. „Ich wurde herumgereicht – Countertenöre galten als exotisch. Zum Vordiplom hatte ich schon einen Plattenvertrag – und damit kamen auch Neid und Eifersucht. Allerdings dann auch ein bisschen Respekt.“ Als einer der ersten Deutschen schloss Johannes Reichert sein Gesangsstudium als Countertenor mit Solistendiplom ab.

Seine Karriere führte ihn als „Wandergeselle“ durch Europa, nach Israel, Südamerika, Japan und in die USA. Stationen in Venedig, Paris, Berlin und Kolumbien prägten seinen Weg, doch Nürnberg blieb stets ein wichtiger Ankerpunkt und ist es bis heute.

Künstlerisch ist Reichert in der Alten Musik verwurzelt – von der spanischen Renaissance bis zum Barock, etwa John Dowland oder Henry Purcell. Zugleich sucht er immer wieder neue Ausdrucksformen: In seinen Projekten treffen historische Musik, neue Musik, szenische Elemente und interdisziplinäre Ansätze aufeinander. Produktionen wie „Geduld, mein Herz“, oder „Orpheus has just left the building“, die Barockgesang mit modernem Songwriting oder Jazz-Improvisationen verbinden, wie auch Arbeiten mit der Pocket Opera Company zeigen seine stilistische Offenheit.

Ende der 1990er-Jahre gründete Reichert zusammen mit dem Saxophonisten Ralf Altrieth ein eigenes Label namens Meta Records, das rund 90 Produktionen hervorgebracht hat und zahlreichen Künstlerinnen und Künstlern für ihre speziellen Projekte eine Plattform bietet.

Heute singt er nach wie vor, übt immer noch viel, um sich in Form zu halten. „Es muss nicht sein, dass jemand mit 50 aufhört zu singen, obwohl es das gibt, aber es kommt immer auf das Individuum an“. Zudem gibt er seine Technik und Erfahrung an Schülerinnen und Schüler weiter. Nach über vier Jahrzehnten auf der Bühne ist er etwas ruhiger und gelassener geworden – zugleich aber klar in seiner Haltung: „Gerade mit meiner Stimmlage war ich auch immer ein Pionier und Rebell und musste vor mir geradestehen, aber auch vor dem Publikum und der Kritik“. Entscheidend sei für die Auswahl seiner Projekte und Produktionen stets die inhaltliche Frage: „Was ist das?“ oder „Ist das gut für mich?“ – „Was gibt es dafür?“ stand bei Reichert nie an erster Stelle.

Was könnte ein neues Projekt für Johannes Reichert sein? „Der Nürnberger Barockmusiker Johann Philipp Krieger fasziniert mich seit meinen sängerischen Anfängen. Aktuell beschäftige ich mich sehr mit seinen seit Jahren recherchierten Liedern für meine Stimmlage. Vielleicht ergibt sich daraus eine neue Produktion.“

Sandra Hoffmann-Rivero

Website des Künstlers: https://www.johannesreichert.com/

Johannes Reichert. Foto: Ludwig Ohla

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